Das Mausoleum
Die Architektur des Mausoleums ist angelehnt an die Form des griechischen Antentempels (templum in antis). Er gilt als eine der ältesten, griechischen Tempelformen und besteht aus einer Vorhalle mit zwei Wänden (Anten) zu jeder Seite und einem abgeschlossenen Raum (Cella). Zwischen den Anten stehen normalerweise zwei dorische Säulen.
Hier fehlt eine der Säulen, was die an sich sehr ausgewogenen Proportionen des Tempels empfindlich stört.
Der Kupferstich „Melencholia I“ von Albrecht Dürer
Der auf 1514 datierte Kupferstich gilt als eine der Lieblingsarbeiten des Künstlers, hatte er ihn doch am häufigsten an Freunde und potentielle Auftraggeber verschenkt. Besonders der dort im Hintergrund abgebildete Polyeder dieser vielschichtigen Arbeit beschäftigt seit Generationen Kunsthistoriker, Philosophen und Mathematiker und erfuhr in der Geschichte die unterschiedlichsten Deutungsversuche.
Vielfach wird in ihm ein Schlüsselwerk Dürers im Übergang vom Mittelalter in die Renaissance gesehen. Galt in der Gotik die Melancholie noch als eine der sieben Todsünden, der Mensch, der die „schwarze Galle“ in sich trug, noch als Belastung für die Gesellschaft, so würde dies in der Renaissance (als Rückgriff auf die Antike) anders gesehen. Insbesondere der melancholische Künstler, der durch das tiefe Tal der Melancholie gewandert ist, hat der Gesellschaft die schönsten Poesien, Lieder oder bildhauerischen Werke geschenkt.
Der dürersche Polyeder
Geometrisch betrachtet ist der Polyeder ein zweifach abgestumpfter Rhomboeder. Einen Rhomboeder stelle man sich als einen etwas in die Länge gezogenen Würfel vor. Er besteht also aus sechs, nicht rechtwinkligen Vierecken. Wird nun der Rhom boeder am oberen und am unteren Ende gekappt, entstehen statt der sechs Vierecke, sechs Fünfecke und zusätzlich zwei Dreiecke.
Diese Form hat es wirklich in sich: Werden die Enden an einer bestimmten Stelle gekappt, berühren alle Ecken des Polyeders die sogenannte „Umkugel“, dass heißt, die Innenseite einer Kugel, die den Körper umschließt.
Der Polyeder ist harmonisch und dissonant gleichzeitig. Er besitzt keinen rechten Winkel und ist für den Betrachter schwer räumlich einzuordnen.
Der Polyeder an Stelle der fehlenden Säule
Der schwer fassliche Polyeder bewegt sich in der „defekten“ Vorhalle des Mausoleums in einem vielschichtigen Spannungsfeld. Proportionen werden scheinbar aufgegriffen und wieder verworfen. Das Mausoleum wird zu einem Gesamtkunstwerk, bei dessen Betrachtung über Harmonie, Dissonanz, Melancholie, Tod und Trauer reflektiert werden kann…
Idee und Umsetzung
Michael Spengler