Drei Stühle für Malchin

Ein Gedenkstätte für die zerstörte Synagoge und die zerstörte katholische Kirche, welche in die Zukunft weist.

Drei Stühle als Kunstprojekt „Drei Stühle für Malchin“ von Michael Spengler mit Häusern im Hintergrund
Detail eines Stuhls aus dem Kunstprojekt „Drei Stühle für Malchin“ mit kreuzförmigem vergoldetem Durchbruch von Michael Spengler
Detail eines Stuhls aus dem Kunstprojekt „Drei Stühle für Malchin“ mit sechseckigem vergoldetem Durchbruch und Davidstern von Michael Spengler

Das Material und die Form
Die Stühle sind schwer und dick. Jeder wiegt gut 500kg. Sie sind aus Jurakalkstein gearbeitet. Der ist vor 150 Millionen Jahren entstanden, als das Gebiet des heutigen Deutschlands auf der Höhe Nordafrikas lag und ein größtenteils vom Meer überflutetes Inselatoll bildete. Die Stühle tragen noch Spuren des einstigen Lebens. Ammoniten, Muscheln, Donnerkeile und Schwämme (wenn man viel Glück hat auch ein ganzer Archeopterix) finden sich in-und auf ihnen.
Die Stühle sind kalt. Die Sitzflächen sind etwas höher, als man es gewohnt ist. Sitzt man auf ihnen, baumeln die Beine in der Luft.

Die Stühle
Drei Stühle stehen wie in einem offenen Gesprächskreis beieinander. Nach vorne, zum Betrachtenden hin, ist der Gesprächskreis geöffnet.
Der rechte Stuhl hat einen sechseckigen, vergoldeten Durchbruch. Um den Durchbruch herum sind zwei, ebenfalls vergoldete Dreiecke in den Stein eingearbeitet, die zusammen den „Magen Davids“ den Davidstern formen. Der linke Stuhl hat einen kreuzförmigen, ebenfalls vergoldeten Durchbruch. 
Beide Stühle erinnern an die zweifache Nutzung des Gebäudes, was hier bis zum 30. April 1945 gestanden hatte. Sie erinnern an die Synagoge, die bis 1924 der jüdischen Gemeinde Malchin als Versammlungsort diente, und sie erinnern an die katholische Kirche, als die jenes Gebäude im Anschluss an den Verkauf bis hin zu seiner Zerstörung genutzt wurde.
Der mittlere, hintere Stuhl, hat keine Symbolik. Er ist neutral. Er öffnet das Gesamtensemble in die Gegenwart und in die Zukunft.
 Dieser Stuhl ist kein Mahnmahl für etwas Vergangenes. Er steht für „Kommunikation“ und vielleicht steht für alle diejenigen, die in Malchin kein Versammlungshaus hatten, um ihrem Glauben (oder Nichtglauben) Ausdruck zu verleihen, also für Atheisten, Heiden, Buddhisten, Muslime, Agnostiker, Hindus, usw.


Kommunikation. 

Das gemeinsame Gespräch, das „sich in die Augen schauen“ ist wichtig für Menschen mit unterschiedlichen Glaubens- und Gottesvorstellungen oder mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen. Zur Spielregel eines Gespräches gehört das Zuhören, Verstehen, sogar Verständnis haben für die Position des anderen, ohne zwangsläufig mit dessen Vorstellungen einverstanden zu sein, den Überzeugungen und Ideen des Gegenüber mit Respekt und Toleranz zu begegnen und dessen ganz eigenen, persönlichen Glauben nicht abzuwerten oder ihm gar das Menschsein abzusprechen. 

Im Grunde ist der Mensch eigentlich gut („Im Grunde gut“ – Titel eines aktuellen Bestsellers von Rutger Bregmann). Er ist ein soziales Wesen, das gerne anderen hilft, nicht zuletzt auch deshalb, weil er weiß, dass  auch er vielleicht irgendwann einmal die Hilfe anderer benötigen wird.  Das Problem laut Hannah Arendt: „Der Mensch wird vom Bösen verführt, das im Gewande des Guten daherkommt“. 

Um das zu entlarven ist menschliche Nähe wichtig. Distanz entmenschlicht. Es ist viel leichter, eine Kampfdrohne aus weiter Ferne heraus zu steuern, einen roten Knopf zu drücken oder im Internet zu lästern, als einem Menschen aus nächster Nähe heraus, dem ich in die Augen schaue, Leid zuzufügen. 

Wünschen würde ich mir für die Stadt Malchin eine rituelle Einbindung des Denkmals bei Streitigkeiten. Streitende nehmen Platz auf den etwas kalten, unbequemen Stühlen, die eigentlich viel zu groß sind und die eine historische Mahnung in sich tragen. Sie reden so lange miteinander, bis sie Verständnis für den Gegenüber haben (sie müssen nicht einverstanden mit dessen Position sein) aber sich am Ende als Zeichen gegenseitigen Respektes die Hand reichen.  


Berlin, im April 2024                                         
Michael Spengler

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