Ein denkwerk für ein namenloses Baby

Am Morgen des 23. Dezember 2011 wurde ein neugeborenes Kind tot bei einem Garagenkomplex in Potsdam entdeckt. Das Mädchen war kurz nach der Geburt gewaltsam zu Tode gekommen.
Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde es auf dem Bornstedter Friedhof  beigesetzt.
Innerhalb der Kirchengemeinde wurde beschlossen, diesem Mädchen ein Denkmal zu errichten. 
Es sollte kein Denkmal sein, was mit erhobenem Zeigefinger ein Verbrechen anklagt, sondern eines, was die Menschen an Empathie und Anteilnahme für den Nächsten erinnert. 

Ausgangspunkt des Denkmalkonzeptes war das Gedicht „Sie war“ von Rainer Maria Rilke.
Dort heißt es in der dritten Zeile: „…und ewig fern von jenem Großen, das gebend durch die Zeiten geht.“
Jenes „Große“ darf durchaus als „Gott“ interpretiert werden und hier teilten sich die Geister von Pfarrer, Friedhofsverwalterin und Bildhauer, die gemeinsam an dem Konzept arbeiteten.
„Ewig fern“ von Gott konnte man nach Meinung eines Pfarrers unmöglich sein. Auf der anderen Seite war evident, dass ein Mensch, dessen Leben nach so kurzer Zeit, ja der kürzesten, überhaupt denkbaren Zeit nach dem ersten Atemzug, gewaltsam zu Ende gegangen ist, als so tragisch empfunden wird, dass die Frage nach Gott in seiner Ferne berechtigt erschien.
Fern war jenes „Gebende“, was sich nach christlichem Verständnis auch durch den Menschen selber zeigen kann, vermutlich auch schon lange Zeit vorher, wo die Frau schwanger gewesen war. Es wurde dieser Frau nicht geholfen, weder vom Erzeuger des Kindes, noch von anderen Menschen, die sie kannten. Das ist eine bittere Erkenntnis für eine Stadt, eine Gesellschaft, die offensichtlich weggeschaut hat.

Am Ende einigte man sich darauf, das Zitat leicht abzuwandeln (was der ein- oder andere Liebhaber Rilkescher Poesien durchaus als Sakrileg empfinden dürfte) und so wurde das „ewig“ durch „auf Erden“ ersetzt.

Das Grabmal für das namenlose Mädchen selbst besteht aus zwei Findlingen.
Der Untere, Große trägt einen kleinen Findling, der in ihn einzusinken scheint.
Der große Findling hat eine sehr markante Störung, eine Rostader, hervorgerufen durch eisenhaltige Sickerwässer, die vor vielen tausend Jahren in ihn eingedrungen waren. 
Das abgewandelte Zitat wurde entlang dieser Störung in den Stein gemeißelt:

„SIE WAR AUF ERDEN FERN VON JENEM  GROSSEN, DAS GEBEND DURCH DIE ZEITEN GEHT“

Der obere, kleine Findling ist vergoldet und trägt das Geburts- und Sterbedatum des namenlosen Mädchens.

Grabmal für ein namenloses Mädchen aus zwei Findlingen mit vergoldetem oberen Stein
Vergoldeter Findling mit Geburts- und Sterbedatum des namenlosen Mädchens

Idee und Ausführung

denkwerk /Michael Spengler in Zusammenarbeit mit der Friedhofsverwalterin, Frau Erb-Rogg

Material

Granitfindlinge aus Brandenburg und Blattgold

Aufgestellt

Aufgestellt im Juli 2012 auf dem Bornstedter Friedhof 

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